
Bionik
Vorbild Natur
Wissen, was dahintersteckt!
Die Evolution hat in einem viele Millionen Jahre lang andauernden Optimierungsprozess perfekte Lösungen für Anpassungen an die Lebensräume hervorgebracht. Dank der besonderen Oberflächenstruktur ihrer Haut zählen Haie beispielsweise zu den besten und elegantesten Schwimmern unter den Meerestieren.
Herausragend ist auch die filigrane „Ultraleichtbauweise” der Libellen. Ihre Flügel werden durch ein intelligent angeordnetes Ader- und Röhrensystem stabilisiert. Die Bionik will diese Wirkprinzipien und Problemlösungen der Natur für den Menschen nutzbar machen.
Frau Kesel, was können wir von der Blattschneiderameise lernen?
In der Forschung bearbeiten wir unterschiedliche Fragestellungen. Beispielsweise versuchen wir derzeit, im Bereich der globalen
Wertschöpfungsketten und Transportlogistik die Wege der Warenströme nach dem Vorbild biologischer „Wertschöpfungs-
ketten” zu optimieren. Hier dienen uns Blattschneiderameisen als Modellorganismus.
Von den kleinen zu den großen Tieren: Sie entwickeln nach dem Vorbild der Haifischhaut innovative Lösungen für die Schifffahrt. Wie können wir uns das vorstellen?
Wir haben eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die zum Beispiel Schiffsrümpfe davor schützt, von Seepocken oder Muscheln besiedelt zu werden, was den Treibstoffverbrauch immens beeinflussen kann. Um die Schiffe und andere Unterwasserobjekte vor Bewuchs zu schützen, wurden bislang gifthaltige Schiffsanstriche verwendet. Allerdings wäscht sich das Gift mit der Zeit aus und reichert sich im Wasser an, wo es auf alle Lebewesen wirkt. Unsere Schutzfarbe ist nach dem Vorbild der Haihaut entwickelt und giftfrei. Der unglaubliche Fortschritt der Natur gegenüber der allermodernsten Technik und die Eleganz der „biologischen Lösung” sind allgegenwärtig und faszinieren mich immer wieder.
Neben Ihren Forschungstätigkeiten sind Sie Leiterin des Bionik-Studiengangs und des Bionik-Innovations-Centrums an der Hochschule Bremen. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Da die Bionik ein sehr dynamisches und interdisziplinäres Fachgebiet ist, ist der Lehrplan nie fertig, sondern wird ständig ergänzt und angepasst. Ich bin ständig im Gespräch mit vielen Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaft und Industrie im In- und Ausland, um unsere Ausbildung so aktuell wie möglich zu halten und den Studierenden die besten Startbedingungen mitzugeben. Besonders wichtig ist es mir, dass die Studierenden vielfältige Praxiserfahrungen sammeln. Sie sind deshalb durch Semesterprojekte oder Abschlussarbeiten hautnah in die laufenden Forschungstätigkeiten eingebunden.
In Bezug auf spätere Berufsaussichten — lohnt sich ein Studium im Bereich Bionik?
Wir profitieren in vielen Bereichen von den biologischen Vorbildern. Beispielsweise ist die Bauteiloptimierung bzw. der möglichst effiziente Materialeinsatz nach biologischem Vorbild ein Arbeitsgebiet, das viele Branchen gleichermaßen betrifft. Ultraleichte Strukturen werden im Baugewerbe, im Auto, aber auch im Luftfahrtbereich sehr stark nachgefragt. Dementsprechend sind die Berufsperspektiven exzellent – uns werden Absolventinnen und Absolventen teilweise schon aus dem laufenden Studium „herausgekauft”. Allerdings kann Bionik als eigenständiger Studiengang bislang nur bei uns an der Hochschule Bremen studiert werden. Doch es gibt eine Reihe anderer Studiengänge, in denen Bionik zumindest als Vertiefungsfach angeboten wird.